Breitband-Hochfrequenzfelder desorientieren Zugfledermäuse – Carryover-Effekt hält Stunden an

Eine neue Science-Studie zeigt biologische Wirkungen von HF-Elektrosmog unterhalb der ICNIRP-Grenzwerte – und stellt damit die Angemessenheit geltender Expositionsstandards für Wildtiere infrage

· mdu · EMF (nichtionisierende Strahlung), Forschung / Studien

Geltende Grenzwerte für nichtionisierende Strahlung (NIS) sind für den Schutz des Menschen konzipiert – nicht für Wildtiere. Eine neue Studie, am 28. Mai 2026 im renommierten Fachjournal Science erschienen, zeigt nun erstmals für ein Säugetier, dass schwache, breitbandige Hochfrequenzfelder (HF-Felder) die Orientierung wandernder Tiere nachhaltig stören können – und das noch Stunden nachdem die Exposition geendet hat. Der sogenannte Carryover-Effekt war für Vögel bereits bekannt; für Fledermäuse ist er neu beschrieben. Die Studie liefert damit einen wichtigen Mosaikstein für die anhaltende wissenschaftliche Debatte über biologische Wirkungen unterhalb anerkannter Grenzwerte.

Studiendesign: Wanderfledermäuse an der Ostseeküste

Oliver Lindecke und Kollegen (Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg, Bangor University, Universität Lettland) untersuchten über vier Migrationssaisons die Auswirkungen künstlicher, breitbandiger elektromagnetischer Rauschfelder auf die Zugorienterung der Zwergfledermaus (Pipistrellus pygmaeus). Der Versuchsort lag an der lettischen Ostseeküste, wo der natürliche elektromagnetische Hintergrund vergleichsweise niedrig ist.

Den Fledermäusen wurden Breitband-HF-Felder von 0,01 bis 300 MHz ausgesetzt, mit einem Intensitätspeak zwischen 0 und 10 MHz. Dieses Spektrum entspricht dem Profil urbaner Umgebungen, wie es durch Haushaltsgeräte, Oberleitungen, Sendemasten und LED-Beleuchtung entsteht. Entscheidend: Die erzeugte Feldstärke lag unterhalb der ICNIRP-Referenzwerte für die Allgemeinbevölkerung.

Im Experiment konnten die Fledermäuse während oder nach dem Sonnenuntergang exponiert werden – einem Zeitpunkt, der für die Kalibrierung des magnetischen Kompasses bei Zugvögeln und Fledermäusen bekannt bedeutsam ist. Danach wurden sie in einer reizarmen Freisetzbox orientiert, ohne Zugang zu natürlichem Sternenhimmel oder Geräuschkulisse.

Ergebnisse: Alle Expositionszeitpunkte stören die Orientierung

Das Forschungsteam testete drei zeitlich gestaffelte Expositionszenarien:

Exposition während des Sonnenuntergangs (Kalibrierungsphase): Kontrollgruppen zeigten klare, statistisch signifikante Zugrichtungen (je nach Saison: Nordnordwest, Südostsüdost, Südsüdwest, Süd). Fledermäuse, die während des Sonnenuntergangs exponiert wurden, orientierten sich dagegen zufällig – kein Rayleigh-Test erreichte statistische Signifikanz. Dieser Befund entspricht der Erwartung für eine Störung des magnetischen Kalibrierprozesses.

Exposition nach dem Sonnenuntergang (nach unbeeinflusster Kalibrierung): Hier überraschte das Ergebnis die Forschenden: Entgegen ihrer Hypothese orientierte sich auch die Gruppe zufällig, die erst nach einem ungestörten Sonnenuntergang für 30 Minuten exponiert wurde und dann 2 bis 6 Stunden nach Expositionsende freigesetzt wurde. Kontrollgruppen dieser Saison orientierten sich statistisch signifikant Südsüdwest.

Exposition während des Abflugs (nachts, direkt bei Freisetzung): Auch hier: zufällige Orientierung in der Expositionsgruppe, gerichtetes Verhalten in der Kontrolle (Richtung Süd, P = 0,009).

Über alle Versuchsjahre und Zeitbedingungen hinweg war der Unterschied zwischen Kontroll- und Expositionsgruppen konsistent und statistisch signifikant (Mann-Whitney U = 12,17, P = 0,002; Konzentrationstest P = 0,01; Bootstrap P = 0,01).

Der Carryover-Effekt: Desorientierung über Stunden hinaus

Das auffälligste Ergebnis ist der Carryover-Effekt: Die Desorientierung hält mehrere Stunden nach Ende der Exposition an. In der Postsunset-Gruppe wurden Fledermäuse noch 2 bis 6 Stunden nach einer 30-minütigen Exposition freigesetzt – und orientierten sich dennoch zufällig.

Für Zugvögel wurde bisher angenommen, dass HF-Felder ausschliesslich während der unmittelbaren Exposition wirken, weil die radikalen Paare im lichtabhängigen Magnetkompass eine kurze Lebensdauer haben. Einen solchen Carryover-Effekt würden aktuelle Modelle der Quantenmechanik der Magnetorezetion nicht vorhersagen. Die Autoren halten daher zwei Erklärungen für möglich:

  1. Interaktion zwischen Magnetrezeptor und verhaltensbasierter Interpretation: Das HF-Feld beeinflusst nicht nur den Magnetrezeptor selbst, sondern verändert dauerhaft, wie das Tier die Signale interpretiert.
  2. Stressinduzierte kognitive Beeinträchtigung: Exposition gegenüber ungewohnten elektromagnetischen Feldern könnte Stress auslösen, der seinerseits Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsfunktionen beeinträchtigt – eine für Säugetiere bereits beschriebene Wirkung.

Welcher Mechanismus überwiegt, bleibt offen. Die Autoren betonen ausdrücklich: Ohne den natürlichen Sternenhimmel und die Geräuschkulisse gemessene Effekte könnten in der realen Umgebung teilweise durch andere Orientierungscues abgemildert werden.

Einordnung und Grenzen der Studie

Die Befunde der Studie sind bemerkenswert, verlangen aber eine differenzierte Einordnung:

Was die Studie belegt: Schwache Breitband-HF-Felder können bei wandernden Fledermäusen eine mehrstündige Desorientierung auslösen, reproduzierbar über mehrere Versuchsjahre. Die Exposition lag unterhalb der ICNIRP-Grenzwerte für Menschen.

Was die Studie nicht belegt: Eine Schädigung des Menschen. Die ICNIRP-Grenzwerte sind auf die Verhinderung thermischer und anderer etablierter Effekte beim Menschen ausgerichtet. Ob Magnetorezeptions-basierte Effekte auf Menschen übertragbar sind, ist unbekannt – denn beim Menschen ist weder eine analoge magnetosensitive Kryptoochromlage (CRY4) noch ein Radikalpaar-basierter Magnetkompass nachgewiesen.

Methodische Einschränkung: Die Freisetzversuche fanden in einem reizarmen Innenraum statt. Natürliche Umgebungen bieten Fledermäusen weitere Orientierungshilfen (Sterne, Landschaftslärm, Windrichtung), die die RF-induzierte Desorientierung teilweise kompensieren könnten.

Publikationsgewicht: Science ist eines der wenigen Top-Journals mit globaler Wirkung. Die Metadaten zeigen, dass das Manuskript über zwei Jahre im Begutachtungsverfahren lag (eingereicht Mai 2024, angenommen April 2026), was auf eine sehr gründliche Überprüfung hindeutet.

Was bedeutet das für die NIS-Diskussion in der Schweiz?

Die Schweizerische NISV (Verordnung über den Schutz vor nichtionisierender Strahlung) schützt Menschen – über einen Immissionsgrenzwert (= ICNIRP) und einen deutlich strengeren Anlagegrenzwert (rund 10-fach unter ICNIRP) für stationäre Anlagen. Wildtiere fallen rechtlich nicht unter ihren Schutzbereich. Das ist keine Schweizer Besonderheit, sondern internationale Norm.

Die Studie von Lindecke et al. rückt damit eine bisher weitgehend ignorierte Kategorie ins Licht: ökologische Auswirkungen elektromagnetischer Umweltverschmutzung. Für eine abschliessende Beurteilung dieser Dimension fehlen noch viele Daten. Die Schweizer Fachkommission BERENIS (Beratende Expertengruppe NIS) wertet seit Jahren systematisch neue Studien zu HF- und NF-EMF-Effekten aus; ob die vorliegende Bat-Studie in einem der nächsten Quartalsberichte besprochen wird, bleibt abzuwarten.

Für die Beurteilung von Mobilfunk-Antennenstandorten in der Schweiz ändert die Studie formal nichts: Die Grenzwerte der NISV bleiben massgeblich. Sie zeigt aber, dass die wissenschaftliche Diskussion um biologische Effekte unterhalb geltender Grenzwerte nicht abgeschlossen ist – und dass Wildtiere dabei eine bisher unterschätzte Beobachtungsgruppe darstellen.

Quelle: Lindecke O, Schneider WT, Vintulis V, Jordan N, Cellarius F, Marggraf LC, Niehues J, Jaunzemis V, Keišs O, Holland RA (2026): Disruptive effects of brief radiofrequency noise exposure on migratory bat navigation. Science 392(6801). doi: 10.1126/science.adq4418. Eingereicht 20. Mai 2024; überarbeitet 14. Juli 2025; angenommen 6. April 2026; publiziert 28. Mai 2026.