Feuchteschäden und Gesundheit – was die aktuelle Forschung zeigt und was sie offenlässt

Update "Schimmel ist nicht das Problem – Actinobakterien sind es" vom 12.12.2025

· mdu · Feuchte & Schimmelpilzschäden, Innenraumklima

Feuchtegeschädigte Gebäude machen einen Teil ihrer Bewohnerinnen und Bewohner krank. Daran zweifelt die Forschung nicht mehr. Über welche Mechanismen, welche Mikroorganismen in welchem Ausmass dafür verantwortlich sind und wie weit das Krankheitsbild «Sick Building Syndrome» (SBS) medizinisch eingegrenzt werden kann, ist hingegen noch Gegenstand aktiver Diskussion.

Zwei aktuelle Übersichtsserien aus dem Jahr 2025 schärfen das Bild – aus unterschiedlichen Richtungen.

Was die CIRS-Forschung zeigt

Eine dreiteilige Serie in der Medical Research Archives (Vol. 13, No. 8, August 2025) von Shoemaker, McMahon und Mitautoren fasst drei Jahrzehnte klinische Forschung zum Chronischen Entzündungsreaktionssyndrom (CIRS) zusammen. Die Kernerkenntnis: Nicht Schimmelpilze, sondern Actinobakterien sind demnach der häufigste Auslöser gebäudebedingter Erkrankungen – mit 42 % der CIRS-Fälle, während Pilze nur 7 % beisteuern. Bakterielle Endotoxine verantworten weitere 28 %, Beta-Glukane 6–10 %.

Diese Zahlen sind ernst zu nehmen – und gleichzeitig einzuordnen: Sie stammen aus der Arbeitsgruppe um Ritchie Shoemaker selbst und wurden bislang nicht von unabhängigen Gruppen repliziert. Das ist kein Grund, sie zu verwerfen, aber ein Grund, sie nicht als feststehend zu behandeln.

Unbestritten und durch andere Forschungsgruppen gestützt sind folgende Befunde:

  • Actinobakterien sind in feuchtegeschädigten Gebäuden nachweislich präsent und immunologisch aktiv (Shoemaker et al. 2021; Park et al. 2017)
  • NGS-Methoden zeigen eine Komplexität der mikrobiellen Gemeinschaften in WDB, die kulturbasierte Methoden weit unterschätzen
  • Nicht sichtbare Kontamination (Pilzfragmente, Endotoxine, Biofilmbestandteile) kann Gesundheitsbeschwerden auslösen, auch wenn kein sichtbarer Schimmel vorhanden ist
  • Moderne Baumaterialien (Gipskarton, OSB) sind bei Feuchteeinträgen wesentlich anfälliger als historische Baustoffe

Was eine unabhängige Serie parallel zeigt

Saghir, Bancroft und Ansari (2025) analysierten in einer dreiteiligen Arbeit in den Archives of Clinical Toxicology Daten aus über 800 schimmelbefallenen Gebäuden und über 2'000 Bewohnerinnen und Bewohnern. Ihr Befund bestätigt das gemischte Expositionsbild: Neben Schimmelpilzen und Mykotoxinen finden sich in belasteten Gebäuden regelmässig erhöhte Endotoxin- und Bakterienspiegel. Die Autoren fordern mehr Forschung zur Wechselwirkung von Darmmikrobiom, Lipopolysaccharid-Exposition und Mykotoxinaufnahme.

Zhang et al. (2025) untersuchten in einer multizentrischen Studie mit 1'139 Schulkindern in Malaysia den Zusammenhang zwischen Innenraum-Mikrobiom, Metabolom und SBS-Symptomen. Ergebnis: SBS-Prävalenz lag bei 51–55 %; ein dysbioses Innenraum-Mikrobiom und erhöhte chemische Belastungen (NO₂, CO₂) waren statistisch signifikant mit Symptomen assoziiert. Dieser epidemiologische Ansatz – ohne CIRS-spezifische Biomarker – bestätigt die biologische Relevanz des Innenraum-Mikrobioms auf einem anderen methodischen Weg.

Der medizinische Konsens – und was fehlt

Rama Rao et al. (2025) kommen in ihrem unabhängigen Review zu einem nüchternen Fazit: Die biologische Plausibilität von CIRS ist gut belegt – standardisierte Diagnosekriterien, unabhängige Validierung der Biomarker und randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) zur Behandlung fehlen hingegen bis heute. CIRS ist damit ein Krankheitsbild, das von einer spezialisierten klinischen Gemeinschaft überzeugend beschrieben, von der Breite der Medizin aber noch nicht anerkannt wurde.

Das ist kein Argument gegen die Erkenntnisse – es ist ein Argument für methodische Sorgfalt bei der Kommunikation. Wer CIRS-Befunde zitiert, sollte transparent machen, aus welcher Forschungsgruppe sie stammen und welche Fragen noch offen sind.

Was das für die Praxis bedeutet

Trotz dieser Vorbehalte sind die praktischen Schlussfolgerungen robust:

Schimmelbefund allein reicht nicht. Ein negativer Pilzbefund schliesst eine gesundheitsrelevante mikrobielle Belastung nicht aus. Endotoxine, Actinobakterien und Biofilmbestandteile müssen mitbedacht werden.

Kosmetische Sanierung ist ungenügend. Ob man das CIRS-Rahmenwerk übernimmt oder nicht: Die Forschung zeigt eindeutig, dass nicht sichtbare Partikelkontamination (Condition 2) auch nach Beseitigung sichtbaren Schimmels bestehen bleibt und Symptome auslösen kann.

Beschwerden von Bewohnenden sind ernst zu nehmen. Die genetisch bedingte Anfälligkeit (HLA-DR) erklärt, warum im selben Gebäude manche Personen stark erkranken und andere nicht. Das ist kein Widerspruch zur Kausalität, sondern ein Hinweis auf individuelle Suszeptibilität.

Beurteilungen müssen breiter ansetzen. Sporenanfänge, Kultivierung und Sichtinspektion allein erfassen das mikrobielle Spektrum unvollständig. NGS, Endotoxin-Assays und Actinobakterien-Nachweise gehören in das Beurteilungsrepertoire.

Die Frage «Macht dieses Gebäude mich krank?» lässt sich wissenschaftlich bejahen – für einen Teil der Exponierten. Wie genau der Mechanismus funktioniert und welche Biomarker für Diagnose und Therapie taugen, bleibt ein aktives Forschungsfeld.

Quelle: Shoemaker, R., McMahon, S. et al. (2025): Thirty years of published research on human health effects of exposure to the interior environment of water-damaged built environments. Medical Research Archives, 13(8). DOI 10.18103/mra.v13i8.6769 | Schrantz, M., Banta, J., Lark, D. et al. (2025): Built Environment as a Dangerous Ecosystem. Medical Research Archives, 13(8). DOI 10.18103/mra.v13i8.6767 | Saghir, Bancroft, Ansari (2025): Molds and mycotoxins indoors I–III. Archives of Clinical Toxicology, 7(1) | Rama Rao et al. (2025): CIRS: A Review. IJCSRR, Juli 2025 | Zhang et al. (2025): Multicenter Exploration of SBS in Malaysian Schools. Metabolites, 15(2)