Passivdampf ist nicht harmlos – wie Vaping die Raumluft belastet

Verweilender Aerosol aus E-Zigaretten erzeugt reaktive Radikale, die Lungengewebe schädigen können – auch bei Passivexponierten

· mdu · Innenraumklima, Gebäudeschadstofffe

E-Zigaretten gelten vielen als saubere Alternative zur Zigarette. Für die direkt rauchende Person mag der Vergleich in einigen Punkten zutreffen. Für Personen, die sich in denselben Innenräumen aufhalten, sieht die Bilanz differenzierter aus – und eine neue Studie konkretisiert erstmals den chemischen Mechanismus.

Was E-Zigaretten in die Raumluft abgeben

E-Zigaretten erzeugen kein Verbrennungsgas, sondern erhitzen eine Flüssigkeit aus Propylenglykol, Glyzerin, Nikotin und Aromastoffen. Was austritt, ist ein Aerosol. Dieses enthält:

  • Ultrafeine Partikel (< 100 nm Durchmesser), die tief in die Lunge eindringen können
  • VOC und Aldehyde wie Formaldehyd und Acetaldehyd
  • Schwermetalle wie Nickel, Chrom, Blei und Zinn, freigesetzt durch die Metallspule des Verdampfers
  • PFAS, die aus Verpackung, Beschichtung oder Herstellungsprozessen stammen können
  • Nikotin, auch in der Umgebungsluft und auf Oberflächen nachweisbar (sogenannte Dritthandexposition)

Gegenüber Tabakrauch sind die Konzentrationen der meisten dieser Substanzen deutlich tiefer. Das Argument «praktisch harmlos» lässt sich daraus aber nicht ableiten – insbesondere nicht für den Passivdampf.

Was die Studie von Woo et al. (2026) zeigt

Forscher der University of California Riverside untersuchten, was mit Vaping-Aerosol passiert, nachdem es in die Raumluft abgegeben wurde und dort verweilt (Environmental Science & Technology, Januar 2026). Das Ergebnis ist beunruhigend: Verweilender Passivdampf enthält ultrafeinen Partikel mit Metall-Nanopartikeln und reaktiven Peroxiden, die in wässriger Lösung freie Radikale bilden. Die kleinsten Partikel produzieren dabei hundertmal mehr Radikale als grössere.

Der Mechanismus: Terpene in Aromastoffen reagieren mit Ozon aus der Raumluft (Ozonolyse) und bilden organische Hydroperoxide. Diese zerfallen in Lösung zu Radikalen – vermittelt durch redoxaktive Metalle aus der Verdampferspule (sogenannte Fenton-artige Reaktion). Gealterter Aerosol ist damit toxischer als frischer Aerosol. Das ist relevant, weil Vaping-Emissionen in Innenräumen lange in der Schwebe bleiben und sich chemisch weiterentwickeln.

Eine ergänzende chinesische Studie (2025) bestätigt: Verweilender Passivdampf weist höheres zytotoxisches Potenzial auf als frischer – wegen oxigenierter Verbindungen, die im frischen Aerosol nicht vorhanden sind.

Was das für Innenräume bedeutet

PM2.5-Spitzen in aktiv benutzten Räumen können bei Vaping bis 1'500 µg/m³ erreichen – weit über dem Aussenluft-Grenzwert der WHO von 15 µg/m³ (Jahresmittel) und dem Tagesgrenzwert von 45 µg/m³. Diese Konzentrationen klingen nach Ausnahmesituation, entstehen aber real in schlecht belüfteten Zimmern oder Fahrzeugen.

Besonders exponiert sind Personen mit Asthma oder chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD), Kinder sowie Personen in geschlossenen Räumen mit regelmässigen Vapern. Bei Kindern konnten Forscher Nikotin auf Silikonarmbändern und Kleidungsstücken nachweisen – ein Hinweis auf relevante Dritthandexposition auch ohne direkten Kontakt mit dem Aerosol.

Vape-Shops stellen eine besondere Expositionssituation dar: In bestehenden Studien lagen PM2.5, Formaldehyd, Acetaldehyd und Nikotin während der Öffnungszeiten um ein Mehrfaches über den Werten bei Schliessungszeiten. Ventilation ist dort zwingend.

Was noch offen ist

Die Studie von Woo et al. wurde unter Laborbedingungen mit vereinfachter Flüssigkeit durchgeführt. Wie gut die Befunde auf reale Innenräume mit handelsüblichen Liquids übertragbar sind, ist noch nicht abschliessend geklärt. Langzeitstudien zur Gesundheitswirkung chronischer Passivexposition fehlen. Die biologische Plausibilität des Schadensmechanismus ist aber gut belegt.

Für Gebäudebetreiber, Arbeitgebende und Hausgemeinschaften gilt: Vaping-Verbote in Innenräumen haben eine wissenschaftliche Grundlage – sie sind nicht bloss eine Frage der Präferenz.

Quelle: Woo, W., Tian, L., Diamond, C., Lum, M., Lyons, T., Lin, Y.-H. (2026): Interplay of Metals and Organics in E-Cigarette Aerosols Enhances the Production of Reactive Oxygen Species within Ultrafine Particles: Implications for Passive Vaping Exposures. Environmental Science & Technology, 60(1), 949–958. DOI 10.1021/acs.est.5c11870 | Genchi, G. et al. (2025): E-Cigarette and Environment. Environments, 12(3), 72. DOI 10.3390/environments12030072