Asbestbedingte Krebslast in Amerika 1990–2023 – GBD-Analyse zeigt zweigeteiltes Bild mit wachsender Betroffenheit von Frauen
Neue Lancet-Studie auf Basis der Global Burden of Disease 2023-Daten vergleicht erstmals systematisch die Entwicklung asbestbedingter Krebserkrankungen in der gesamten Region Amerika
Mehr als 70 Staaten weltweit haben Asbest verboten – die Schweiz bereits 1990. Dennoch sterben in der Schweiz Jahr für Jahr noch über 150 Menschen an den Folgen früherer Asbestexposition, mehrheitlich Männer, die in Bau- und Handwerksberufen tätig waren. Eine neue, im April 2026 im Fachjournal The Lancet Regional Health – Americas erschienene Studie zeigt, wie sich diese Erblast im panamerikanischen Vergleich entwickelt – und warum die Zahl asbestbedingter Krebserkrankungen bei Frauen in Teilen Lateinamerikas steigt, obwohl die Exposition seit Jahrzehnten sinken sollte.
Methodik: GBD 2023 als Datenbasis
Die Studie des Autorenkonsortiums «GBD 2023 Americas Occupational Exposure Collaborators» nutzt die Daten der Global Burden of Disease Study 2023, der umfangreichsten systematischen Analyse krankheitsbedingter Sterblichkeit und Behinderung weltweit. Analysiert wurden altersstandardisierte Sterblichkeitsraten und DALY-Raten (Disability-Adjusted Life-Years, behinderungsbereinigte Lebensjahre) für vier asbestbedingte Krebsentitäten: Mesotheliom, Lungen-, Kehlkopf- und Eierstockkrebs. Der Beobachtungszeitraum umfasst 1990 bis 2023 und schliesst alle GBD-Regionen der Americas ein.
Zur Trendanalyse wurden segmentierte Joinpoint-Regressionen sowie Alters-Perioden-Kohortenmodelle eingesetzt – letztere erlauben, den Beitrag von Geburtskohorteneffekten von zeitlichen Trends zu trennen.
Wichtigste Befunde
Nordamerika: höchste Belastung, aber klar rückläufiger Trend
Die einkommensstärkste Region Nordamerikas (USA, Kanada) verzeichnete 2023 mit Abstand die höchste asbestbedingte Krebssterblichkeit: 5,1 Todesfälle pro 100'000 Einwohner (95%-UI: 3,9–6,4) und 84,9 DALYs pro 100'000 für beide Geschlechter. Der Trend ist jedoch klar rückläufig: Die Sterblichkeit sank im Beobachtungszeitraum um durchschnittlich 2,0 % pro Jahr, die DALY-Rate um 2,5 % pro Jahr.
Dieser Rückgang spiegelt das Asbestverbot der 1970er bis 1990er Jahre und den seither verstrichenen Latenzeffekt wider: Mesotheliom-Fälle aus Expositionen der 1970er-Jahre treten zunehmend in den Hintergrund, neue Fälle aus Altlastexposition nehmen ab.
Südliches Lateinamerika: zweithöchste Last mit gegenteiligem Trend
Die Region Südliches Lateinamerika (hauptsächlich Argentinien, Brasilien, Chile) wies 2023 mit 2,7 Todesfällen und 53,1 DALYs pro 100'000 die zweithöchste Belastung auf – bei gleichzeitig stark steigendem Trend. Besonders auffällig: Bei Frauen stieg die Sterblichkeitsrate im Jahresschnitt um 2,3 %, ein Wert, der in keiner anderen Region in diesem Ausmass zu beobachten war.
Frauen: zunehmende Betroffenheit durch Mesotheliom und Lungenkrebs
Alters-Perioden-Kohortenanalysen zeigen, dass der Anstieg bei Frauen kein statistisches Artefakt ist. In Tropischem und Südlichem Lateinamerika stieg das Mortalitäts-Ratenverhältnis (RR) für asbest-attributablen Lungenkrebs bei Frauen auf 1,31 (95%-UI: 1,20–1,44), für Mesotheliom auf 1,22 (95%-UI: 1,06–1,40).
Die Autoren nennen zwei mögliche Ursachen: Zum einen erhöhtes Lungenkrebs-Risiko durch steigende Tabakkonsumraten bei Frauen – wobei Mesotheliom als Asbest-spezifischerer Indikator weniger durch diesen Faktor erklärt wird. Zum anderen Aufholeffekte durch verzögertes Einsetzen von Asbestverboten und andauernde Nutzung in Teilen der Region, was zu einer Erblastexposition unter Frauen geführt haben dürfte, die im beruflichen Umfeld Kontakt mit asbesthaltigen Materialien hatten.
Relevanz für die Schweizer Praxis
Die Schweizer Situation unterscheidet sich strukturell von Lateinamerika: Das Asbestverbot gilt seit 1990, der Rückbau asbesthaltiger Gebäude ist gesetzlich geregelt (Chemikalien-Risikoreduktions-Verordnung ChemRRV). Dennoch liefert die GBD-Studie zwei relevante Botschaften für die Schweizer Bauhygiene:
Erstens: Asbestbedingte Krebserkrankungen bleiben trotz Verbot für Jahrzehnte ein Problem. Der Latenzeffekt – der mittlere Zeitabstand zwischen Exposition und Krankheitsausbruch beträgt beim Mesotheliom oft 30 bis 50 Jahre – bedeutet, dass Expositionen aus den 1970er und 1980er Jahren noch bis weit in die 2030er Jahre zu Todesfällen führen werden.
Zweitens: Wo Asbestverbote fehlen oder spät eingeführt wurden, entstehen neue Expositionswellen. Dies betrifft nicht nur Länder in Lateinamerika oder Asien, sondern auch Menschen, die in der Schweiz in einem Gebäude mit asbesthaltigen Materialien arbeiten oder wohnen, die noch nicht fachgerecht erkundet und saniert wurden.
Geschlechtsspezifische Exposition unterschätzt
Der Befund zu Frauen in Lateinamerika rückt eine oft übersehene Expositionsgruppe in den Fokus. Asbest galt lange als «Männerproblem» aus Schwerbau und Industrie. Die Daten zeigen, dass Frauen – auch durch andere Expositionspfade wie Renovationsarbeiten in Wohngebäuden, Nähe zu Berufskleidung asbest-exponierter Partner oder eigene Tätigkeiten im Baugewerbe – asbestbedingte Krebserkrankungen entwickeln.
Diese Erkenntnis ist auch für die Schweizer Praxis nicht irrelevant: Gebäude, die vor 1990 gebaut wurden, enthalten in vielen Fällen noch Asbest – in Fugendichtstoffen, Bodenklebern, Plättliklebern, Isolationsmaterialien, Dachplatten, Wandverkleidungen. Wer in solchen Gebäuden arbeitet, saniert oder wohnt, ist potenziell exponiert. Eine systematische Schadstoffermittlung vor Umbau- und Sanierungsarbeiten bleibt deshalb das wichtigste Präventionsinstrument.
Fazit
Die Lancet-Studie liefert keine neuen kausalen Erkenntnisse zum Krebsmechanismus von Asbest – der ist seit Jahrzehnten etabliert. Sie zeigt aber, wie unterschiedlich die globale Asbest-Erblast verteilt ist: Staaten mit frühem Verbot profitieren von Rückgängen, Staaten mit spätem oder fehlendem Verbot tragen weiter wachsende Lasten. Für die Schweiz unterstreicht sie, was auch die SUVA-Statistik bestätigt: Asbest tötet noch, und die Prävention durch frühzeitige Erkundung von Bestandsgebäuden bleibt unerlässlich.