VDI 6202 Blatt 10 – Asbest in Bauschutt und Recyclingmaterial

Neue Richtlinie schafft praxistaugliche Grundlage für die Bewertung asbestverdächtiger Bau- und Abbruchabfälle

· mdu · Gebäudeschadstoffe, Normen & Richtlinien

Das Asbestproblem endet nicht mit dem Abbruch. Wenn ein Gebäude zurückgebaut wird, entstehen Massen an gemischtem Bauschutt – und darin können asbesthaltige Fragmente stecken: in Betonabstandhaltern (bis 1993 weit verbreitet), in Fugendichtstoffen, Klebstoffen, Farben, Wellplatten-Bruchstücken oder Rohrisolationsresten. Diese Fraktionen sind mit blossem Auge kaum erkennbar, doch sie entscheiden über Entsorgungsweg und -kosten.

In Deutschland hat die LAGA M23 (Mitteilung der Länderarbeitsgemeinschaft Abfall Nr. 23) seit 2022 klare Anforderungen an die Dokumentation asbestfreier Bau- und Abbruchabfälle eingeführt. Damit ist der Bedarf nach praktischer Umsetzungshilfe stark gestiegen. Die im Dezember 2025 erschienene VDI 6202 Blatt 10 («Schadstoffbelastete bauliche und technische Anlagen – Asbest im Bauschutt, in Recyclingmaterial und in Altablagerungen») liefert diese Hilfe.

Das Problem: Asbest im Betonschutt

Ein zentrales Thema des Blatts sind asbesthaltige Abstandhalter im Stahlbetonbau. Diese kleinen, meist rautenförmigen Elemente aus Asbestzement wurden zwischen den 1960er Jahren und dem Asbestverbot 1993 grossflächig eingesetzt, um Bewehrungsstäbe beim Betonieren auf Abstand zu halten. Im fertigen Bauwerk sind sie kaum sichtbar – im Betonabbruch aber latent vorhanden. Dazu kommen Spezialmörtel, Fugendichtstoffe und Beschichtungssysteme als weitere potenzielle Asbestquellen.

Wenn solcher Betonabbruch als Recycling-Gesteinskörnung weiterverwendet werden soll, ist eine Bewertung auf Asbestfreiheit zwingend – aber bisher methodisch ungeregelt.

Was die Richtlinie regelt

VDI 6202 Blatt 10 bietet praktische Unterstützung für:

  • Visuelle Ansprache asbestverdächtiger Materialien in Haufwerken und Containern nach standardisierten Bestimmungsblättern
  • Probenahmestrategien für gemischte Bau- und Abbruchabfälle
  • Bewertungsschemata für die Einstufung von Bauschutt und Recyclingmaterial
  • Dokumentationsanforderungen gemäss LAGA M23 (Deutschland)
  • Abgrenzung zu den übrigen Blättern der VDI-6202-Reihe

Relevanz für die Schweiz

Die Schweiz kennt die LAGA M23 nicht direkt; die Anforderungen an den Umgang mit asbesthaltigem Bauschutt sind in der Verordnung über die Vermeidung und Entsorgung von Abfällen (VVEA) und den kantonalen Vollzugshilfen geregelt. Die grundsätzlichen Herausforderungen – Erkennung, Probenahme, Bewertung und Entsorgungseinstufung – sind aber identisch. VDI 6202 Blatt 10 ist damit auch für Schweizer Sachverständige, Entsorgungsfachleute und Abbruchunternehmen eine wertvolle methodische Referenz.

Die Kombination von VDI 6202 Blatt 3 (Erkundung in Gebäuden), Blatt 3.1 (Brandschutzklappen) und dem neuen Blatt 10 (Bauschutt) schafft erstmals eine zusammenhängende Richtlinienreihe für den gesamten Lebenszyklus asbesthaltiger Bauteile vom Bestand bis zur Entsorgung.

Quelle: VDI 6202 Blatt 10:2025-12 – Schadstoffbelastete bauliche und technische Anlagen – Asbest im Bauschutt, in Recyclingmaterial und in Altablagerungen. Weissdruck Dezember 2025.