Wie Gasherde die Raumluft belasten
Eine Grossstudie quantifiziert erstmals die NO₂-Belastung durch Gasherde auf nationaler Ebene – mit deutlichen Befunden
Gasherden wird oft hohe Kochqualität zugeschrieben. Was seltener diskutiert wird: Sie sind eine relevante Quelle von Stickstoffdioxid (NO₂) in Wohnräumen – einem Schadstoff, der seit Jahrzehnten mit Atemwegserkrankungen in Verbindung gebracht wird. Eine neue Studie legt erstmals quantitativ dar, wie gross die Belastung tatsächlich ist.
Was NO₂ im Innenraum bewirkt
NO₂ ist ein Reizgas, das bei der Verbrennung von Erdgas entsteht. Im Aussenraum stammt es hauptsächlich aus dem Strassenverkehr. Im Innenraum sind Gasherde in Haushalten ohne Tabakrauch die häufigste Quelle. Bekannte Gesundheitseffekte bei erhöhter Exposition: Reizung der Atemwege, verminderte Lungenfunktion und erhöhte Anfälligkeit für Atemwegsinfekte. Besonders empfindlich reagieren Kinder und Personen mit Asthma. Die WHO empfiehlt einen Jahresmittelwert von 10 µg/m³ für die Aussenluft; für Innenräume existiert in der Schweiz kein verbindlicher Richtwert.
Was die Studie von Kashtan et al. (2025) zeigt
Eine im Dezember 2025 in PNAS Nexus publizierte Studie (Kashtan, Wang, Nadeau, Jackson; Stanford / PSE Healthy Energy) liefert die bislang umfassendste Analyse zu NO₂-Belastung aus Gasherden. Erstmals wurde die Innenraumbelastung aus Gasherden mit der Aussenbelastung aus allen Quellen – Strassenverkehr, Industrie, Stromerzeugung – auf nationaler Ebene zusammengeführt.
Das zentrale Ergebnis: Wer einen Gasherd betreibt, atmet im Innenraum oft gleich viel NO₂ wie aus sämtlichen Aussenquellen zusammen. Die Konzentrationen können mehrere Stunden nach dem Kochen erhöht bleiben – auch nach dem Abschalten der Flammen. Dasselbe Forscherteam hatte 2024 gezeigt, dass Gasherde auch Benzol emittieren, ein bekanntes Humankarzinogen, das mit Leukämie assoziiert ist.
Der Wechsel auf Elektroherde reduzierte in Modellberechnungen die mittlere NO₂-Haushaltsbelastung deutlich, in typischen Szenarien um mehr als die Hälfte.
Einschätzung für die Schweiz
Die US-Studie ist auf Schweizer Verhältnisse grundsätzlich übertragbar, mit Vorbehalt: Schweizer Wohnungen sind tendenziell kleiner und besser gedämmt als US-Häuser. Beides erhöht bei gleicher Emissionsquelle die Schadstoffkonzentration. Gasherde sind in Schweizer Städten mit Gasnetz nach wie vor verbreitet.
Verbindliche Innenraumrichtwerte für NO₂ fehlen in der Schweiz. Der Aussenluftgrenzwert nach der Luftreinhalte-Verordnung (LRV, SR 814.318.142.1) beträgt 30 µg/m³ als Jahresmittel. Er ist auf Innenräume nicht direkt anwendbar, gibt aber einen Anhaltspunkt.
Ob die absoluten Belastungszahlen aus dem US-amerikanischen Einfamilienhauskontext direkt auf Schweizer Mehrfamilienhäuser hochgerechnet werden können, ist nicht gesichert. Die Richtung der Befunde dürfte jedoch zutreffen.
Was das praktisch bedeutet
Dunstabzug immer einschalten – und zwar mit Abluft direkt nach aussen. Umluftfilter halten Fett und Gerüche zurück, kein NO₂ und kein Benzol.
Fensterlüftung beim Kochen senkt die NO₂-Konzentration wirksam, insbesondere in kleinen Küchen ohne mechanische Lüftung.
Kinder sollten nicht dauerhaft in der Küche präsent sein, während am Gasherd gekocht wird – besonders in schlecht belüfteten Verhältnissen.
Neubau und Sanierung: Gasherd-Einbau kritisch abwägen. Die Energiestrategie 2050 des Bundes und die kantonalen Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich (MuKEn 2014/Nachfolge) zielen auf den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen im Gebäudebereich. Induktionsherde sind emissionsseitig klar vorzuziehen.
Was noch offen ist
Langzeitstudien zur kumulativen Exposition durch Gasherde in Wohnräumen über Jahre und Jahrzehnte fehlen weitgehend. Die gesundheitliche Bewertung chronischer Niedrigdosisexposition gegenüber Gasherdemissionen – insbesondere Benzol – ist noch nicht abgeschlossen. Dass die Kurzzeitbelastung bei intensivem Kochen gesundheitlich relevant sein kann, ist durch die vorliegende Studie aber gut belegt.