Schimmel ist nicht das Problem – Actinobakterien sind es

Was die aktuelle CIRS-Forschung über Feuchteschäden und Gesundheit aussagt

· mdu · Feuchte & Schimmelpilzschäden, Innenraumklima

Jahrzehntelang stand Schimmelpilz im Zentrum der Diskussion um feuchtegeschädigte Gebäude. Wer krank wurde, dem wurde Schimmel als Ursache genannt – oder die Krankheit wurde abgetan. Beides war zu kurz gegriffen. Eine dreiteilige Artikelserie in der Medical Research Archives (Vol. 13, No. 8, August 2025), an der Scott McMahon und Ritchie Shoemaker massgeblich beteiligt sind, fasst drei Jahrzehnte Forschung zur Chronischen Entzündungsreaktion (Chronic Inflammatory Response Syndrome, CIRS) zusammen und zieht weitreichende Schlüsse.

Das Krankheitsbild: CIRS ist das neue Sick Building Syndrome

Sick Building Syndrome (SBS) – früher ein Sammelbegriff für unspezifische Beschwerden in Zusammenhang mit Gebäuden – ist nach heutigem Forschungsstand ein klar definiertes, immunologisch begründetes Krankheitsbild: CIRS. Die Ursache ist nicht Einbildung, sondern eine chronisch aktivierte angeborene Immunreaktion auf Mikroben und deren Stoffwechselprodukte in feuchtegeschädigten Gebäuden.

CIRS betrifft laut den Autoren 24% der Bewohnerinnen und Bewohner von Gebäuden mit Feuchteschäden – bei rund 50% aller Gebäude mit Feuchteeinträgen. Die individuelle Anfälligkeit wird durch Immunantwortgene (HLA-DR) bestimmt: Wer das falsche Genmuster trägt, kann die Toxine nicht wirksam ausscheiden und entwickelt eine chronische Entzündungskaskade.

Die überraschende Ursachenverteilung

Das populäre Bild – «schwarzer Schimmel macht krank» – ist wissenschaftlich nicht haltbar. Die aktuellen Daten zeigen:

Auslöser Anteil CIRS-Fälle
Actinobakterien 42%
Bakterielle Endotoxine 28%
Beta-Glukane 6–10%
Pilze (Mykotoxine etc.) 7%

Actinobakterien – grampositiver Bakterien, die in feuchten Baustoffen gedeihen – sind damit der häufigste Auslöser, weit vor Pilzen. Diese Erkenntnis verändert, was bei einer Beurteilung gesucht und gemessen werden muss: Ein negativer Schimmelbefund schliesst eine CIRS-relevante mikrobielle Belastung nicht aus.

Das Gebäude als biologisches System

Feuchtegeschädigte Gebäude schaffen ein ökologisch einzigartiges Milieu, das persistente, toxigene Mikroorganismen begünstigt – Pilze, Actinobakterien, Biofilm-bildende Bakterien. Die Next Generation Sequencing-Technologie (NGS) hat die Komplexität dieser Gemeinschaften erst sichtbar gemacht: Kulturbasierte Methoden erfassen nur einen Bruchteil der tatsächlich vorhandenen Mikroorganismen.

Besonders bedeutsam ist das Konzept der Condition-2-Kontamination: Sporen und Pilzfragmente, die von aktiven Schimmelpilzquellen abgelöst wurden, können als unsichtbare Partikel durch Luftströmungen verteilt werden und sich auf Oberflächen absetzen – auch in Räumen ohne sichtbaren Schimmelpilzbefall. Bewohnerinnen und Bewohner können dort weiterhin Symptome entwickeln, auch nachdem sichtbarer Schimmel entfernt wurde. Dies erklärt einen klinisch gut bekannten, aber baupraktisch oft ignorierten Befund: Gesundheitsbeschwerden verschwinden nicht mit der Beseitigung der sichtbaren Schimmelflecken.

Moderne Baumaterialien als Risikofaktor

Die Autoren weisen auf eine strukturelle Verschiebung hin: Historische Baumaterialien – Kalkputz, altes Vollholz, Zementplatten – widersetzen sich Schimmelkolonisierung. Moderne Baustoffe – papierbeschichtetes Gipskarton, OSB-Platten, Zellulosedämmung – bieten bei Feuchte ideale Wachstumsbedingungen für Schimmelpilze und Actinobakterien. Energieeffiziente, dichte Gebäudehüllen verstärken das Problem, indem sie die Feuchteabfuhr reduzieren.

Hirnschäden als messbares Symptom

Eine der eindrücklichsten Erkenntnisse der CIRS-Forschung: Volumetrische MRT-Messungen (NeuroQuant®) zeigen bei mehr als 50% der CIRS-Patienten strukturelle Hirnveränderungen. Diese sind mit der Standarddiagnostik nicht sichtbar, aber reproduzierbar messbar – und nach Behandlung rückbildungsfähig. Chronische Müdigkeit, kognitive Einbussen und Stimmungsstörungen bei Gebäudebewohnenden haben damit in einem substanziellen Anteil der Fälle eine nachweisbare organische Grundlage.

Konsequenzen für die Sanierung

Eine bloss kosmetische Schimmelpilzsanierung reicht nicht. Die Autoren plädieren für eine Medically Important Remediation (MIR): eine Sanierungsstrategie, die sich an den spezifischen Sensitivitäten der betroffenen Personen orientiert, alle Quellen – auch nicht sichtbare – vollständig beseitigt und dauerhaft trockene Verhältnisse schafft. Lüftungskonzept, Materialwahl und Oberflächenreinigung müssen aufeinander abgestimmt sein.

Einordnung

Aus Sicht der technischen Bauhygiene bestätigt diese Forschungsserie, was erfahrene Fachpersonen kennen: Feuchteeinträge in Gebäuden sind kein ästhetisches Problem, sondern ein Gesundheitsrisiko – und zwar eines, das mit konventionellen Methoden oft unterschätzt wird. Für die Praxis bedeutet das: Beurteilungen müssen breiter ansetzen als bisher, Sanierungen konsequenter durchgeführt werden, und Beschwerden von Gebäudebewohnenden verdienen mehr diagnostisches Gewicht als ihnen in der Praxis oft zukommt.

Die Frage «Macht dieses Gebäude mich krank?» hat eine wissenschaftliche Antwort. Für 24% der Exponierten lautet sie: Ja.

Quelle: Shoemaker, R., McMahon, S. et al. (2025): Thirty years of published research on human health effects of exposure to the interior environment of water-damaged built environments. Medical Research Archives, 13(8). DOI 10.18103/mra.v13i8.6769 | Schrantz, M., Banta, J., Lark, D. et al. (2025): Built Environment as a Dangerous Ecosystem. Medical Research Archives, 13(8). DOI 10.18103/mra.v13i8.6767