Psychoakustik und Innenraumschall – was neue Reviews zeigen

Aktuelle Forschungsübersichten 2024/2025 zu psychoakustischen Metriken im Innenraum, Trittschallbelästigung und den Gesundheitsfolgen von Lärmbelästigung

· mdu · Innenraumklima, Normen & Richtlinien

Vier wissenschaftliche Übersichtsarbeiten aus den Jahren 2024 und 2025 beleuchten verschiedene Facetten der Psychoakustik im Gebäudekontext. Für die technische Bauhygiene sind sie besonders relevant, weil sie den Forschungsstand zur Frage zusammenfassen, wann und warum Geräusche im Innenraum als belästigend empfunden werden – und was das für Gesundheit und Wohlbefinden bedeutet.

Innenraum-Soundscape: Welche psychoakustischen Metriken taugen?

Hossain, Manohare und King (2025, Building Acoustics / SAGE) haben in einem systematischen Review nach der PRISMA-Methode 22 Peer-reviewed-Studien ausgewertet, die psychoakustische Kennwerte für die Bewertung von Innenraum-Soundscapes nutzen. Zentrale Befunde:

Lautheit (Loudness nach Zwicker, DIN 45631) ist der am häufigsten verwendete psychoakustische Kennwert und deutlich besser mit der subjektiven Lästigkeitsempfindung korreliert als der dB(A)-Pegel. Das gilt insbesondere für Geräusche mit ungleichmässiger Frequenzverteilung – also typische haustechnische Geräusche.

Tonhaltigkeit und Rauigkeit werden seltener erfasst, sind aber für bestimmte Geräuscharten (Ventilatoren, Pumpen) besonders relevant. Der Review identifiziert ausdrücklich eine Lücke bei Vorhersagemodellen: Es fehlen robuste Modelle, die aus psychoakustischen Kennwerten die tatsächliche Belästigung in verschiedenen Nutzungssituationen (Arbeiten, Schlafen, Entspannen) vorhersagen.

Nutzungsabhängigkeit: Dieselbe akustische Situation wird je nach Tätigkeit unterschiedlich bewertet. Bei konzentrierter Arbeit stören sprachähnliche Geräusche (Nachbarngespräche) mehr als beim Entspannen.

Trittschall: mehr als nur Lautheit

Ein Review in der Fachzeitschrift Acoustics (2025) befasst sich mit dem aktuellen Stand der Forschung zur Trittschallbelästigung. Trittschall ist im Wohnungsbau eine der häufigsten Lärmbeschwerdequellen – und gleichzeitig die am schwierigsten zu bewertende, weil die Belästigung von mehreren Faktoren gleichzeitig abhängt:

  • Räumliche Charakteristik der Quelle: Ort des Aufpralls und Ausbreitungsweg beeinflussen die Wahrnehmung.
  • Zeitliche Charakteristik: Einmalige Schläge (fallende Gegenstände) werden anders bewertet als rhythmische Schrittgeräusche.
  • Impulshaltigkeit: Kurze, harte Aufprallereignisse sind pro Schallenergie störender als weiche, gedämpfte Kontakte.

Besonders relevant für den Holzbau: Der Review zeigt, dass die in der Norm verwendeten Kennwerte für Trittschall die subjektive Belästigung bei Holzdecken systematisch unterschätzen, weil die tieffrequenten Anteile des Trittschalls normativ unzureichend erfasst werden.

Gesundheitsfolgen: Belästigung als eigenständiger Risikofaktor

Zwei weitere Reviews befassen sich mit den gesundheitlichen Konsequenzen von Lärmbelästigung:

Noise & Health (2024): Ein Review von 44 Studien zeigt, dass Lärm neben den bekannten auditiven Wirkungen (Gehörschäden, Tinnitus) eine breite Palette nicht-auditiver Gesundheitseffekte auslöst – darunter Schlafstörungen, kognitive Beeinträchtigungen, Stressreaktionen und kardiovaskuläre Effekte. Wichtig: Diese Effekte treten auch bei Pegelwerten auf, die weit unter den Grenzwerten für Gehörschäden liegen.

Applied Sciences (2025): Ein umfangreiches Review zur Lärmbelästigung aus physikalisch-wissenschaftlicher Perspektive (2015–2024) bestätigt, dass Belästigung als eigenständige Variable – losgelöst vom gemessenen Schallpegel – ein signifikanter Prädiktor für physiologische Stressreaktionen ist. Das hat eine wichtige Konsequenz: Geräusche, die von Bewohnenden als belästigend beschrieben werden, können messbare biologische Reaktionen auslösen, auch wenn keine Grenzwertüberschreitung vorliegt.

Was das für die Bauhygiene-Praxis bedeutet

Die vier Reviews bestätigen, was Sachverständige aus der Praxis kennen: Klagen über technische Geräusche in Gebäuden sind ernst zu nehmen, auch wenn Schallpegelmessungen unauffällig sind. Folgende Konsequenzen für die Begutachtung:

  • Psychoakustische Kennwerte erheben: Lautheit nach Zwicker, Tonhaltigkeit (DIN 45681), Rauigkeit und Impulshaltigkeit geben ein vollständigeres Bild als der dB(A)-Wert allein.
  • Nutzungskontext berücksichtigen: Eine Messung im leerstehenden Gebäude erfasst den Hintergrundpegel nicht; die kritische Situation ist der Nachtbetrieb mit tiefem Hintergrundpegel.
  • Klagende Personen nicht als «überempfindlich» abweisen: Die Forschung zeigt, dass Belästigungsempfinden individuell variiert und von subjektiven Faktoren (Kontrollierbarkeit, Erwartung) abhängt – das macht es jedoch nicht weniger real und gesundheitsrelevant.

Quelle: Hossain, M.R., Manohare, M. & King, E.A.: Systematic review of indoor soundscape assessments: Activity-based psycho-acoustics analysis. Building Acoustics / SAGE Journals, 2025. DOI: 10.1177/1351010X241294151 | Acoustics 2025, 7(2), 21: Recent Developments in Investigating and Understanding Impact Sound Annoyance. DOI: 10.3390/acoustics7020021 | Noise & Health 26(121): 59–69 (2024): A Comprehensive Review of Auditory and Non-Auditory Effects of Noise on Human Health. DOI: 10.4103/nah.nah_124_23 | Applied Sciences 2025, 15(12), 6559: Noise Annoyance in Physical Sciences: Perspective 2015–2024. DOI: 10.3390/app15126559