Im Zeichen von SARS-CoV-2 und COVID-19

Infektionswege, adäquate Schutzmassnahmen und der Umgang mit einer Pandemie als komplexem System

· mdu · Innenraumklima

Das SARS-Coronavirus 2 (SARS-CoV-2) hat sich über die ganze Welt verbreitet und verursacht beim Menschen die Erkrankung COVID-19. Als Hygieniker – also Fachleute für die Verhütung von Krankheiten durch gezielte Schutzmassnahmen – konzentrieren wir uns auf die Frage, wie eine Übertragung des Virus wirksam und dauerhaft verhindert werden kann. Medizinische Fragen zu Krankheitsbild und Therapie überlassen wir Infektiologen und Kliniken.

Infektionswege von SARS-CoV-2

SARS-CoV-2 infiziert nach Einatmen in ausreichender Menge den Atemtrakt des Menschen, wenn das Immunsystem eine Infektion des Nasen-Rachen-Raums nicht abwehren kann. Das Virus beginnt sich bereits im Nasen-Rachen-Raum zu replizieren. Infizierte Personen scheiden das Virus über ihren Speichel aus; auch im Stuhl ist es nachweisbar, gilt dort aber als nicht infektiös.

Das infektiöse Speichelsekret wird beim Niesen, Husten und lauten Sprechen als Gemisch aus Tröpfchen unterschiedlicher Grösse abgegeben. Grössere Tröpfchen werden mit hoher Geschwindigkeit ausgestossen, sinken rasch zu Boden und haben damit eine begrenzte Reichweite. Sie kontaminieren Oberflächen, auf denen das Virus eine beschränkte Zeit infektiös bleibt.

Kleinste Tröpfchen (Aerosole, < 5 Mikrometer) verlassen Nase und Mund mit geringer kinetischer Energie, sinken deutlich langsamer und können längere Zeit schwebend in der Luft verbleiben oder mit Luftbewegungen verfrachtet werden. Aerosole entstehen auch beim normalen Sprechen, Singen und – in geringerem Ausmass – schon beim Atmen.

Zunehmend wird die aerogene Übertragung als primärer Infektionsweg bei SARS-CoV-2 erkannt – insbesondere bei sogenannten Superspreading-Events in Innenräumen mit hoher Belegungsdichte. Die Infektiosität beginnt bereits einige Tage vor dem Auftreten von Symptomen, und ein erheblicher Anteil der Infizierten zeigt einen asymptomatischen Verlauf.

Adäquate Hygienemassnahmen

Vermeidung aerogener und Tröpfcheninfektion

Dem Übertragungsweg über Tröpfchen und Aerosole kommt bei respiratorischen Viren die entscheidende Rolle zu. Neben dem bekannten Abstandhalten und der Handbedeckung beim Husten und Niesen muss deshalb insbesondere die Luftkonditionierung in den Schutzmassnahmen berücksichtigt werden: ausreichender Luftwechsel mit Frischluft sowie die Vermeidung von Umluftbetrieb ohne geeignete Filterung.

Vermeidung von Schmierinfektionen

Von kontaminierten Oberflächen können Viren über die eigenen Hände in den Nasen-Mund-Bereich transportiert werden. Regelmässiges Händewaschen mit Seife sowie die Desinfektion stark frequentierter Kontaktflächen reduzieren diesen Infektionsweg. Betriebe und öffentliche Einrichtungen sind gehalten, die dafür nötige Infrastruktur (Waschgelegenheiten, Desinfektionsmittel) bereitzustellen.

Lenkung von physischen Kontakten

Massnahmen zur Kontaktreduktion – Abstandsregeln, Belegungsbeschränkungen, Sektorisierung von Publikumsbereichen, Einweg-Besucherführung – schützen den Einzelnen zwar nicht direkt, reduzieren aber die Gesamtzahl an Neuinfektionen. Sie helfen, das Gesundheitssystem vor Überlastung zu schützen. Solche Massnahmen sind in Hygienekonzepten sinnvoll und können mit vertretbarem Aufwand dauerhaft aufrechterhalten werden.

Nachhaltige Hygiene als Leitprinzip

Hygiene bedeutet Gesundheitsvorsorge – das Fernhalten von Krankheitsrisiken. Eine Massnahme, die zwar eine Krankheit verhindert, aber andere Gesundheitsrisiken schafft (etwa durch soziale Isolation, psychische Belastung oder wirtschaftliche Not), ist aus hygienischer Sicht nicht ohne Weiteres vertretbar. Nachhaltige Hygienemassnahmen sind solche, die wirksam sind, verhältnismässig bleiben und langfristig beibehalten werden können, ohne die Lebensqualität der Bevölkerung dauerhaft zu beeinträchtigen.

Dabei gilt: Jede Massnahme ist auf ihren tatsächlichen Nutzen und ihre Kosten – gesundheitlicher, sozialer und wirtschaftlicher Art – sorgfältig zu prüfen. In einem Krisenmanagement, das ein komplexes, dynamisches System lenkt, sind Rückkopplungseffekte und zeitverzögerte Wirkungen von Massnahmen besonders zu beachten.

Ethische Leitlinien

Aus unserer Sicht sind bei Massnahmen zur Pandemiebekämpfung folgende Grundsätze zu wahren:

  • Die Würde und der freie Wille des Einzelnen sind zu respektieren.
  • Die Nebenwirkungen von Massnahmen dürfen nicht grösseren Schaden anrichten als deren Nutzen.
  • Schutzmassnahmen für vulnerable Personen haben hohe Priorität.
  • Grundrechte dürfen nur so weit und so lange eingeschränkt werden, wie es unbedingt notwendig ist.
  • Einem Kollaps des Gesundheitswesens ist zu begegnen – auch durch eine Stärkung der Gesundheitsinfrastruktur.
  • Jede Massnahme ist fortlaufend auf ihren Nutzen und ihre Verhältnismässigkeit zu prüfen.

Diese Prinzipien gelten unabhängig davon, ob die Pandemie gerade auf- oder abebbt. Wir als Hygieniker sehen es als unsere Aufgabe, auf eine sachliche, faktenbasierte und verhältnismässige Debatte über Schutzmassnahmen hinzuwirken.

Quelle: Bundesamt für Gesundheit BAG: Informationen zu COVID-19. bag.admin.ch. | WHO: Coronavirus disease (COVID-19) pandemic. who.int.